21.09.18

Drei Buchtipps zum Überbrücken

Die letzten zwei Monate waren spannend. Ich darf erleben, wie sich aus vielen Ideen und Vorschlägen und aus der Expertise von einem Beraterteam umfassende Visionen entwickeln. Am 12. Oktober werden diese Zukunftsszenarien vorgestellt, dazu laden wir herzlich ein! Und falls Sie an einem Freitagnachmittag nicht nach Stuttgart kommen können, finden Sie die wichtigsten Teile der Veranstaltung ab dem 15. Oktober auf dieser Homepage.

Da ich im Moment noch nicht zu viel über die Szenarien verraten darf (an denen auch noch unter Hochdruck gearbeitet wird), überbrücke ich die Zeit mit drei Buchhinweisen. Diese Bücher haben mir drei geschätzte Kollegen empfohlen, ich habe sie mit Gewinn gelesen.

Buchtipp 1: Reinventing Organisations visuell

Die Grundthese von Frederic Laloux ist, dass die Menschheit sich in plötzlichen Sprüngen entwickelt.  Sprunghaft ändert sich alles: Technologie, Machtstrukturen, die Form der Zusammenarbeit und religiöse Gewissheiten. Und die Welt steht vor dem Sprung in die fünfte Entwicklungsstufe hin zu einer „intregralen evolutionären Weltsicht“.

 

Die Organisation „Kirche“ wird von Herrn Laloux wenig charmant in der Entwicklungsstufe  „traditionell konformistisch“ verortet, knapp oberhalb von Wolfsrudel und Mafia. Als langjähriger Mitarbeiter widerspreche ich hier gerne und füge an, dass sich meine Landeskirche in vielen Bereichen in der nächsten Stufe befindet (leistungs- und wettbewerbsorientiert). Und in Nischen sehe ich auch postmoderne Tendenzen (alle sind gleich, Entscheidungen werden in Konsens gefällt). Das wäre dann Stufe 4.

 

Organisationen mit einer integralen evolutionären Weltsicht (=Stufe 5) werden nicht im Konsens gesteuert, sondern durch Eigenverantwortung der Mitarbeitenden. Entscheidungen werden von kleinen Teams oder von einzelnen Mitarbeitenden nach Rücksprache mit anderen gefällt. Dafür haben die Mitarbeitenden die Freiheit, selbst zu gestalten. Wichtig ist außerdem, dass jeder Mensch als ganzer Mensch Teil dieser Organisation sein darf (und nicht nur als funktionierende Maschine). Gewöhnungsbedürftig ist der Gedanke, dass die Organisation auf strategische Ziele verzichtet (Begründung: die Welt ist viel zu komplex, um sinnvolle strategische Ziele aufzustellen und abzuarbeiten). Stattdessen wird ein Unternehmen so organisiert, dass Entwicklung organisch wachsen kann.

  • Vorteil des Buches: Inspirierende Ideen, gut sortiert, hervorragend illustriert
  • Nachteil: Manchmal in vereinfachenden Schwarz/weiß-Kategorien
  • Direkter Transfer zu 2024Plus: Komplexe Organisationen können nicht durch Kontrolle geleitet werden. Nötig sind grundlegende Rahmenbedingungen, Gestaltungsfreiraum und ganz viel Vertrauen
  • Persönliches Fazit: Viel Inspiration in wenig Lesezeit, sehr empfehlenswert!
  • Wurde mir empfohlen von: Pfarrer Dr. Salomo Strauß, Münsingen
  • Vollständige Literaturangabe: Frederic Laloux, Reinventing Organisations visuell. Ein illustrierter Leitfaden sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. München, Verlag Franz Vahlen GmbH, 2017 

Buchtipp 2: Eine Kirche für Viele statt heiligem Rest

Ein kleines Buch mit einem Grundgedanken: "Ich möchte mir eine Kirche vorstellen, die 90% ihrer gesamten zur Verfügung stehenden Mittel für die 90 Prozent ihrer Mitglieder aufwendet, die heute nicht am Gemeindeleben teilnehmen. Die 10 Prozent, die heute alles bekommen, sollen in dieser Kirche den Anteil haben, der ihnen entspricht: ein Zehntel vom Ganzen." (S. 17).

  • Vorteil des Buches: Ein Gedanke, der zum Weiterdenken anregt
  • Nachteil: Im Lösungsteil etwas schwach (auch hier: man muss selber weiterdenken)
  • Direkter Transfer zu 2024Plus: Wie viele von den Strukturfragen, die wir behandeln, sind für die schweigenden 90 Prozent relevant? Und sind die Anliegen dieser 90% im Blick?
  • Persönliches Fazit: Man könnte den Inhalt auch in einem Zeitschriftenartikel zusammenfassen. Aber manchmal reicht EIN guter Gedanke, um gut zu sein. Deshalb: Lesenswert!
  • Wurde mir empfohlen von: Peter Gorges, Moderator, Sprechtrainer und Kabarettist, Stuttart
  • Vollständige Literaturangabe: Erik Flügge und David Holte, Eine Kirche für Viele statt heiligem Rest. Freiburg, Verlag Herder GmbH, 2018 

 

 

Buchtipp 3: Gemeinden gründen!

Peter Hundertmark ist Pastoralreferent und macht sich Gedanken über die Zukunft der Kirche: "Die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland hat längst begonnen. Allerdings kündigt sich die Zukunft scheinbar erst einmal unter negativen Vorzeichen an: Mitarbeitermangel, Sparzwänge, Immobilienreduzierungen, schwindende Zahlen, Zusammenlegungen, Aufgeben von..." (S. 9).

Ausgehend von dieser Wahrnehmung sieht er zwei Entwicklungen: Die klassischen Gemeinden (Parochien) bilden immer größere Einheiten, um den vollständigen Service bieten zu können, der von einer Körperschaft Öffentlichen Rechts erwartet wird und den die Kirche auch aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus anbieten möchte. 

Und neben den klassischen Gemeinden wachsen neue Formen von Gemeinde: von Freiwilligen getragen, selbstorganisiert und in der Regel mit einem klaren inhaltlichen Schwerpunkt.

Beim Lesen des Buches hatte ich das biblische Bild vom Fischerboot im Kopf. Die Netze der Fischer werden immer grobmaschiger. Deshalb ist es sinnvoll, neben den Netzen auch Angeln auszuwerfen (auch wenn es die Arbeitsabläufe auf dem Schiff nicht vereinfacht, wenn gleichzeitig mit Angeln und Netzen gefischt wird).

Sehr spannend sind die Analysen, wer sich in welcher Gemeindeform wohlfühlt. Und die praktische Erfahrung schimmert durch, wenn Peter Hundertmark beschreibt, dass sich die klassischen und die neuen Gemeindeformen nicht selten mit Vorurteilen betrachten und sich gegenseitig kritisieren (Kapitel 4 - Zugänge).

  • Vorteil des Buches: Peter Hundertmark beschreibt Entwicklungen zeigt Lösungsansätze auf. Dabei stellt er in allen Kapiteln die Grundfrage: Was ist das Wesen und der Sinn von Kirche?
  • Nachteil: Das Buch ist keine ganz leichte Gute-Nacht-Lektüre. Es richtet sich von Inhalt und Sprache her an Kircheninsider.
  • Direkter Transfer zu 2024Plus: Schaffen wir Strukturen, die flexibel genug sind, um neue Entwicklungen aufzunehmen? Und schaffen wir es, dass "Verwaltung" und "Ehrenamt" eine gute Kommunikationsebene findet?
  • Persönliches Fazit: Lesenswert für alle, die sich ernsthafte Gedanken um die Zukunft ihrer Kirche machen und die sich einige konzentrierte Stunden Zeit nehmen können.
  • Wurde mir empfohlen von: Pfarrer Detlef Häusler, Geistliche Begleitung für Mitarbeitende der Landeskirche, Stuttgart-Birkach.
  • Vollständige Literaturangabe: Peter Hundertmark, Gemeinden gründen! Skizzen für eine Selbstorganisation der Christgläubigen. Annweiler, Plöger Medien GmbH.
  • Schneller Einblick: Peter Hundertmark stellt sein Konzept online kompakt vor, geistlich.net/ekklesien-als-eine-moegliche-zukuenftige-gestalt-von-kirche/

 

 

 Das waren jetzt meine Buchtipps. Haben Sie auch Lieblingslektüre rund um Kirche, Organisation und Entwicklung? Dann schreiben Sie doch Ihren Tipp in den Kommentaren. Ich bin gespannt!

Ihr

Benedikt Osiw

Kommentar hinzufügen: * Pflichtfelder sind mit einem Stern markiert.

Noch kein Kommentar abgegeben

Dieses Formular benötigt Javascript / This form needs Javascript